Foto: Graziela Diez Garisto, Rechte: nefia,e.V.
Foto: Graziela Diez Garisto, Rechte: nefia,e.V.

Ich bin eine deutsch-finnnlandschwedische  Autorin und Journalistin.

Als ich mit meinem Studium der Politischen Wissenschaften, Soziologie und Sozialpsychologie in München begann, hatte ich eine Lehre als Buchhändlerin hinter mir, mein Schwerpunkt lag  schnell auf der Internationalen Politik. Mit einem Erasmus-Stipendium ging ich an die Sorbonne nach Paris. Interessiert hat mich wie Zusammenarbeit gelingt, wie sich Konflikte lösen  lassen und wie Führungspersonen ihre Entscheidungen treffen. Meine Magisterarbeit habe ich über die französische Algerienpolitik geschrieben und mich gefragt, wann und wie Entscheidungsträger lernen.

Nach Abschluss meines Studiums arbeitete ich zunächst für eine Politikberatung, bewarb mich für ein Stipendium des Stiftungskollegs für internationale Aufgaben und ging damit in die USA. Kurze Zeit später führte mich mein Weg wieder nach Frankreich, diesmal nach Straßburg zur Versammlung der Regionen Europas. In Straßburg blieb ich viereinhalb Jahre. Bei meiner Rückkehr nach Berlin, beschloss ich, als selbständige Moderatorin und Journalistin zu arbeiten.

Rudern

Im Allgemeinen gilt ja für alles Neue, dass es gut ist, wenn man vorher nicht allzu viel darüber weiß. Wüsste man zu Beginn, was auf einen zukommt, würde man womöglich gar nicht anfangen. Ein gutes Beispiel dafür sind Kinder. Das Nichtwissen schützt also das Lebendige, ansonsten bliebe alles tot auf Erden.  Aber dafür ist ja das Leben nicht gedacht, sondern für Abenteuer mit guten Freunden, und das ging im Februar los, in einer Kastenruderanlage in Berlin Zehlendorf. Von dem einen Mal, an dem ich teilnehmen konnte, bevor es für lange Zeit still wurde, hatte ich den Laut mitgenommen, der beim Eintauchen des Blattes ins Wasser entsteht als leise Musik in meinem Ohr, die mich erinnerte an vergangene Sommer in schaukelnden Booten auf See. Das öfter zu hören, wäre doch ziemlich schön ... Als es endlich weiterging nach der großen Stille mit dem Training im Einer am Steg (mit Leine), waren es viele Dinge auf einmal, ein zuweilen überfordertes Gehirn, aber auch immer das Gefühl, eine neue Welt entdecken zu dürfen.

Einige Ruderstunden liegen hinter mir, ein Morgen im September 2020, an dem ein aufgeregtes Treiben einen in der Welle Poseidon empfängt, etwas ungewohnt, aber heute ist Samstag, alle haben eine Arbeitswoche hinter sich, und vielleicht muss es nun schnell gehen mit der Erholung: Skulls ans Ufer, Boot ins Wasser, nicht rumstehen. Wir sortieren die Ruder auf die Seiten des Achters, aber heute steht das Boot auf der anderen Seite … Backbord rot … wie war es noch gleich? Steuerbord rechts und grün? Diese Volte muss mein Gehirn jedes Mal machen, aber an so einem Morgen, wo man damit beschäftigt ist, sich einem temporeichen Rudergewusel anzupassen, bleibt einem keine Zeit für diese Volte. Gerade noch am Ufer, das Fußbrett eingestellt, da sitzt man schon im Boot und rudert los, versucht die von vorn kommenden Ansagen umzusetzen, sich am Schlagmann zu orientieren, die Bewegungsabläufe ins Gedächtnis zu rufen und den Wellengang zu überrudern. Beim Rudern kommt es, das habe ich mir kürzlich klar gemacht, vor allem aufs Handeln an. Jede Sekunde, die man an einen Gedanken verschwendet, ist verlorene Zeit. Etwa, weil einem ein Skull abhandengekommen ist, das sich jetzt irgendwo beim Vordermann herumtreibt, man sich kurz fragt, wie das passieren konnte oder man noch das Gefühl des kurzen Schreckens verspürt. Mit solchen Gedanken beschäftigt man sich allenfalls später, auf dem Wasser am besten überhaupt nicht, sondern greift stattdessen blitzschnell und beherzt zum Ruder und fädelt sich wieder ein in die Truppe. Während man den Wiedereinstieg ins Orchester sucht, kommt einen in den Sinn, wie gefährlich so eine Situation sein kann, wäre das jetzt bei voller Fahrt passiert, ähnlich wie beim Skifahren ist das ja, wenn sich die Bretter aus irgendeiner Unvorsichtigkeit heraus übereinanderlegen,  da ist jetzt dieses Sturzgefühl …  wieder ein Gedanke zuviel,  anstatt volle Konzentration auf die Tat: Skull greifen, einfädeln, Rhythmus, Takt, weiter, weiter ... och, vielleicht bald mal eine Pause … nein, gerade sitzen, Beine abdrücken … nennt sich Beinarbeit, die Villa da drüben ist auch nicht schlecht … Ruder halt … Blatt ab. So geht es fort.

Am Ende der Fahrt fühle ich mich gut und irgendwie ausgeruht.  Das ist nicht wie beim verhassten Joggen, das ich mehrmals in meinem Leben versucht und immer wieder aufgegeben habe. Beim Rudern muss ich die Anstrengung nicht alleine vollbringen, da kommt etwas anderes ins Spiel, was mich, das kann ich nach etwa zehn Malen sagen, ohne Mühe meinen Weg in die Welle Poseidon antreten lässt. Was es genau ist, weiß ich nicht, ob das Wasser, die Bewegung an der frischen Luft, all das zu erlernende Neue, ganz sicher aber hat es auch mit dieser fröhlichen Gruppe samt ihrem Lehrer zu tun, die sich gefunden hat, die Lust hat auf etwas Gemeinsames, darauf aus acht Stimmen, eine zu ziehen, einen Herzschlag, der das Boot hinweggleiten lässt über das Wasser hin zu unbekannten Orten. Ach, am besten man sagt es einfach mit und frei nach Hölderlin: Komm! Aufs Wasser, Freund!

 

 

Tanzen

Im Mai 2018 kam im Potsdamer Lustgarten zur Aufführung, was 120 Laientänzer aus Potsdam und Berlin, darunter ich, während zweieinhalb Monate zwei bis drei Mal in der Woche eingeübt hatten: eine halbstündige Choreographie des kanadischen Künstlers Sylvain Émard – Le Grand Continental, eine Mischung aus Linedance, Swing und Techno. Seit vielen Jahren ist Sylvain weltweit unterwegs, um die Freude am Tanzen auf die Straßen zu bringen und während der gemeinsamen Anstrengung, lernen die Bürger einer Stadt sich kennen. Der Auftakt zu den Potsdamer Tanztagen begann mit dieser Freudenwoge. Eine der besten Erfahrungen meines Lebens!